Lee Ritenour

A Twist of Rit

VÖ: 17.07.15
Concord Records

 

“Das Konzept für ‘A Twist Of Rit’ war, neues Material mit Stücken zu kombinieren, die von früheren Alben ausgewählt wurden”, schickt Lee Ritenour voraus. “Wir haben diese Songs mit einer zwölfköpfigen Band verbogen, verdreht und rekonstruiert. Einige der Stücke stammen von meinem allerersten Album ‘First Course’, das 1975 aufgenommen wurde, andere vom Album ‘Rit’, das 1981 erschien.”

Zurückgreifen konnte der Gitarrist, bei seinen Fans auch als Captain Fingers bekannt, dabei auf ein breites Spektrum stilistisch sehr unterschiedlicher Songs. Seit er 1975 für Epic Records sein Debütalbum “First Course” aufnahm, sind 40 Jahre verstrichen, in denen er fast ebenso viele Alben unter seinem Namen eingespielt hat. Mit “A Twist Of Rit” ist ihm nun ein mehr als würdiger Nachfolger seines von der Kritik gefeierten letzten Albums “Rhythm Sessions” (2012) gelungen.

Für die Aufnahmen von “A Twist Of Rit” versammelte Lee Ritenour eine Reihe langjähriger musikalischer Partner um sich: darunter die Keyboarder John Beasley, Dave Grusin und Patrice Rushen, Saxophonist Ernie Watts, die Bassisten Melvin Lee Davis und Tom Kennedy, Schlagzeuger Dave Weckl und Perkussionist Paulinho da Costa. Zu dieser Kernband gesellen sich noch die Schlagzeuger Ronald Bruner Jr. und Chris Coleman, Saxophonist Bob Sheppard und Flügelhornist Rashawn Ross. Außerdem spielt Ritenour auf diesem Album erstmals mit den Gitarristen Michael Thompson, Wah Wah Watson und David T. Walker sowie dem japanischen Pianisten Makoto Ozone zusammen. Und schließlich präsentiert er hier zum ersten Mal den ungarischen Gitarristen Tony Pusztai, der letztes Jahr Ritenours “Six String Theory”-Wettbewerb gewann, an dem 500 Nachwuchstalente aus 72 Ländern teilnahmen.

Mit seinen unverwechselbaren Gitarrenlinien prägt Ritenour die zwölf Eigenkompositionen von “A Twist Of Rit”, deren Bandbreite von Funk und Fusion über Latin bis hin zu dem feinsinnigen Jazz reicht, der sein Markenzeichen ist. Ein alter Bekannter ist Ritenour-Fans auch Toningenieur Don Murray, der seit den 1970er Jahren für die Aufnahme und Abmischung fast aller Alben des Gitarristen verantwortlich zeichnete. Murray nahm die Sessions zwar ganz nach alter Schule auf – live mit allen beteiligten Musikern zusammen im Studio -, aber mit modernstem Klangequipment.

“Mit Leuten wie Ernie, Patrice, Dave und John Beasley, mit dem ich besonders eng auf meinem Album ‘Wes Bound’ zusammengearbeitet habe, aber auch Melvin Davis und Perkussionist Paulinho da Costa habe ich schon vor Urzeiten gespielt”, sagt Ritenour. “Ernie war bei so vielen Projekten dabei, dass ich den Überblick verloren habe. Und ohne Dave Grusin, der mein bevorzugter Partner ist, hätte ich dieses Album gar nicht machen können. Er war an nahezu all meinen Platten beteiligt. Diese Leute sind sehr enge Freunde von mir. Wir bilden seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren eine Art musikalischer Mafia.”

Mit den langjährigen Gefährten hat Ritenour nun etliche Nummern von Kultalben wie “First Course” (1976), “Friendship” (1978) – auf dem eine von Ritenour geleitete Superband mit Ernie Watts, Don Grusin, Schlagzeuger Alex Acuña, Perkussionist Steve Forman und Bassist Abraham Laboriel zu hören war -, “Rit, Vol.1” (1981), “Earth Run” (1986), “Stolen Moments” (1990) und “This Is Love” (1998) neu eingespielt.

Während der Großteil des Repertoires von “A Twist Of Rit” aus Neubearbeitungen von Ritenour-Klassikern besteht, gibt es auch drei vollkommen neue Stücke: “Pearl”, ein inniger, lateinamerikanisch eingefärbter Tribut an Ritenours Mutter, die federnde Titelnummer und “W.O.R.K.n’ It” (W.O.R.K. steht hier für Weckl, Ozone, Ritenour, Kennedy). Ein weiteres Stück – “More W.O.R.K.” betitelt – soll exklusiv in einer retrospektiven Box mit fünf LPs veröffentlicht werden.

“Als ich erstmals mit der Idee für dieses Projekt an Concord Records herantrat, machte ich gleich klar, dass ich nicht vorhatte, meine alten Nummern für eine Art ‘Best Of’-Album aufzuwärmen”, sagt Ritenour. “Ich schreibe gerne neues Material. Und deshalb habe ich auch neue Tracks mit auf das Album genommen. Aber ich wollte meine früheren Stücke – nicht unbedingt die großen Radiohits – noch einmal unter die Lupe nehmen und aus einer frischeren Perspektive angehen, ihnen einen neuen Dreh verpassen. Es hat wirklich Spaß gemacht, sich noch einmal mit dem alten Material, das teilweise schon vor vierzig Jahren entstand, auseinanderzusetzen und aus ihm Stücke für eine Überarbeitung herauszupicken.”

Dabei konnte sich der Gitarrist auf ein Œuvre stützen, das seine polyglotte musikalische Erziehung reflektiert. Der 1952 in Los Angeles geborene Ritenour wuchs in einem musikalischen Haushalt auf. Sein Vater, ein Hobby-Pianist, machte Lee, als dieser mit acht Jahren Gitarre zu spielen begann, mit der Musik von Peggy Lee, Ray Charles, Nancy Wilson, Erroll Garner und Stan Kenton vertraut. Doch sein erstes wirkliches “Heureka!”-Erlebnis mit dem Jazz hatte Lee drei Jahre später, als er mit seinem Vater einen Plattenladen besuchte.

“Mein Vater kaufte mir drei Platten von Howard Roberts, Wes Montgomery und Joe Pass”, erinnert er sich. “Die drei übten einen ungeheuren Einfluss auf mich aus. Howard ist heute kaum noch bekannt, war aber ein unglaublich guter Studiomusiker. Joe kennt natürlich jeder Jazzfan. Mein Vater rief ihn irgendwann einfach an und sagte: ‘Ich habe einen vierzehnjährigen Sohn, der Gitarre spielt. Kannst du ihm Stunden geben?’ So kam es, dass ich ein paar Mal zu ihm ging und wir Freunde wurden. Beeinflusst hat mich natürlich auch Wes mit seinem rhythmischen und melodischen Ansatz sowie seinem Sound.”

Neben dem Jazz liebte Lee Ritenour aber auch schon immer Rhythm’n’Blues, Rock, Fusion und lateinamerikanische Musik. Er spielte mit Patrice Rushen und Dave Grusin in einer Band, die regelmäßig im The Baked Potato in Los Angeles auftrat. Zur selben Zeit machte er sich in der Szene einen Namen durch die Zusammenarbeit mit den Mamas & Papas und Tony Bennett. Später wirkte er auf Alben von u.a. Pink Floyd, Steely Dan, Dizzy Gillespie, Simon & Garfunkel, Herbie Hancock und Frank Sinatra mit und stieg so zum allgegenwärtigsten Gitarristen seiner Generation auf.

1986 erhielt er einen Grammy für das gemeinsam mit Dave Grusin aufgenommene Album “Harlequin”. 1990 gründete er mit Keyboarder Bob James, Schlagzeuger Harvey Mason und Bassist Nathan East die All-Star-Band Fourplay. In Deutschland wurde Lee Ritenour 2011 als bester internationaler Gitarrist mit einem ECHO Jazz Award geehrt.

In seiner gesamten Karriere hat Ritenour sich immer bemüht, eine Balance zwischen seiner Tätigkeit als Studio- und Sessionmusiker und seiner Arbeit als Solokünstler zu halten. “Obwohl ich ein Studiomusiker war, versuchte ich zu einer eigenen Identität zu finden”, sagt der Gitarrist. “Live zu spielen war für mich immer schon genauso wichtig wie die Studioarbeit. Als ich mein erstes Soloalbum aufnahm, von dem viele der Songs stammen, die wir nun für ‘A Twist Of Rit’ neu eingespielt haben, dachte ich, dass ich noch keinen ‘Lee-Ritenour-Sound’ hatte. Aber als ich mir die Platte ein paar Jahre später noch einmal anhörte, stellte ich erstaunt fest, dass ich tatsächlich schon damals meinen eigenen Sound gehabt hatte.”

Parallel zu “A Twist Of Rit” wird Concord Records eine Box mit fünf LPs veröffentlichen, die die Klassiker-Alben “Wes Bound”, “Festival”, “Color Rit”, “Portrait” und “Earth Run” enthält.