Kurt Elling

Passion World

VÖ: 05.06.2015
Concord Records

 

Mit “Passion World” legt der Sänger Kurt Elling ein neues Album vor, das seinem Titel in doppelter Hinsicht gerecht wird. Zum einen ist es tatsächlich sein bislang “globalstes” Album, da Elling hier ein Repertoire mit Liedern aus Brasilien, Irland, Deutschland, Spanien, Schottland, Kuba und Island präsentiert. Zum anderen geht es in all diesen Liedern um Leidenschaften, jene Kräfte, die unsere Seelen bewegen. Elling, der zu den Jazzkünstlern gehört, die sich fast pausenlos auf Tournee befinden, traf diese Leidenschaften in allen Winkeln der Welt an. Dabei fiel ihm allerdings auf, dass jede Kultur eine eigene Art hat, die im Grunde selben Gefühle auszudrücken. Dem trägt er nun auf diesem Album Rechnung, das nur so vor Vielfältigkeit und Abwechslungsreichtum strotzt, aber zur selben Zeit auf ehrliche Weise das feiert, was uns alle menschlich macht. Mit seiner konzeptionellen Bandbreite und der immensen Skala der Einflüsse ist “Passion World” das bislang ambitionierteste Album dieses herausragenden Jazzsängers.

Auch hat Elling noch nie zuvor ein Album aufgenommen, das so sehr mit Stars gespickt war. Zu den Partnern, die hier mit dem Sänger und seinem weitgereisten Ensemble (besetzt mit Keyboarder Gary Versace, Gitarrist John McLean, Bassist Clark Sommers und Drummer Kendrick Scott) zusammenarbeiten, gehören der brillante kubanische Trompeter Arturo Sandoval und sein deutscher Kollege Till Brönner, die vielgelobte junge Sängerin Sara Gazarek, der französische Akkordeonvirtuose Richard Galliano, das Scottish National Jazz Orchestra unter der Leitung des großartigen Saxophonisten Tommy Smith und die weltbekannte WDR-Big-Band mit dem Pianisten Frank Chastenier.

Für die meisten von uns beschwört “Leidenschaft” die Liebe in ihrer dramatischsten und exotischsten Form herauf. “Diese Songs handeln im Großen und Ganzen von Romanzen”, sagt Elling, der zehn Mal für einen Grammy nominiert war und die Auszeichnung schließlich 2009 für das Album “Dedicated To You” gewann. “Liebeslieder gibt es in jedem Land der Welt, und mir fiel auf, dass diese Lieder von der jeweiligen nationalen Identität eingefärbt sind. Ja, wir alle erleiden Liebeskummer, aber wie wir damit umgehen, unterscheidet sich von Land zu Land. Französische Songs reflektieren beispielsweise die nationale Eigenart, mit einer gewissen Coolness auf das Ende einer Liebesgeschichte zu reagieren. Man sollte nicht vergessen, dass wir den Franzosen das schöne Wort ‘Nonchalance’ verdanken. Das steht in krassem Kontrast zum melodramatischen, fast schon bedrohlichen Ton, auf den man in Texten von kubanischen und lateinamerikanischen Liedern treffen kann. Aber die französische Art unterscheidet sich auch von der statuesken und heroischen, fast schon opernhaften Weise, mit der man in Italien oder Deutschland auf gebrochene Herzen reagiert.”

Aber manchmal brechen einem auch andere Dinge als Liebeskummer das Herz. Ein Beispiel dafür ist U2s “Where The Streets Have No Names”, eine Ode an die Opfer von Krieg und Politik, die Gitarrist John McLean neu arrangierte. Oder die Ballade “Bonita Cuba”, die durch einen glücklichen Zufall bei einer Jazz-Kreuzfahrt geboren wurde. Dort hörte Elling am letzten Abend seinen Kabinennachbarn Arturo Sandoval eine traurige Melodie spielen. “Ich sagte ihm: ‘Arturo, das ist sooo traurig. Ist das eine Tradition von dir, die Sonne vom Himmel zu spielen?’ ‘Nein’, erwiderte er, ‘ich dachte an Kuba und an die Freunde, die ich dort zurückgelassen und seit Jahrzehnten nicht gesehen habe. Ich dachte an meine Mutter und meinen Vater. Ich habe sie dort rausgeholt und sie glaubten immer, dass sie eines Tages zurückkehren würden – aber sie sind in den USA begraben.’” Elling fragte ihn, ob er zu dieser Musik einen Text schreiben könne. Und so nahm “Bonita Cuba” Form an. Aufgenommen wurde das Stück in Arturos Haus mit seiner Rhythmusgruppe.

Viele der anderen Songs von “Passion World” haben ebenfalls denkwürdige Ursprünge. “Loch Tay Boat Song” lernte Elling während seiner College-Zeit kennen, als er ein Jahr im Ausland an der Edinburgh University studierte. Das Lied ging ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Der vielleicht wunderbarste Song des Albums ist “Where Love Is”. Er ist ein vertontes Gedicht von James Joyce, für das der Ex-Dubliner Brian Byrne eigens eine Melodie schrieb. “After The Door” wiederum ist Ellings Version der Pat-Metheny-Komposition “Another Life”. Kurt entdeckte das Stück – unter dem Titel “Me jedyne niebo” – auf einem Album der Sängerin Anna-Marie Jopek, von deren Ehemann der polnische Text stammt. Als eine Art Präludium zu der Metheny-Nummer schrieb Elling mit dem Bassisten und Arrangeur John Clayton “Verse”, ein kurzes Klageslied, das auch als Einleitung für das gesamte Album fungiert. Für das unverwüstliche “La vie en rose” verfasste Elling ebenfalls neue Lyrics. Dabei orientiert er sich an einem Solo, das Wynton Marsalis bei einer Konzertaufnahme mit Richard Galliano gespielt hatte. Und Gallianos Eigenkomposition “Billie”, die natürlich Billie Holiday gewidmet ist, inspirierte den Sänger auch dazu, einen Text zu schreiben. Das Stück erhielt schließlich den neuen Titel “The Tangled Road”.

Tatsächlich war es Ellings Wunsch mit Galliano zu arbeiten, der 2010 bei einem Konzert im Lincoln Center zu der ersten öffentlichen Aufführung des “Passion World”-Konzepts führte. “Ich brauchte einen Aufhänger, der zu uns beiden passte”, erläutert Elling. “Ich hatte bereits ein paar französische Sachen auf Lager und weitere in brasilianischem Portugiesisch. Das war der Ausgangspunkt. Und ich wollte einige von Gallianos Stücken einstudieren, um eventuell neue Texte für sie zu schreiben und ihn als Komponisten zu würdigen. Dabei wurde mir dann bewusst, wieviele Länder es gab, denen ich mich noch nicht gewidmet hatte. Als wir die Tour fortsetzen, sah ich mich deshalb nach neuem Material um.”
“All diese Stücke sammelte ich, um sie als Zugaben – oder, wie ich sie auch nenne, ‘Charmeoffensiven’ – aufzuführen. Es sind Lieder aus der jeweiligen Region, in der ich auftrete, und die mir erlauben sollen, das lokale Publikum zu erreichen”, sagt Elling, der tatsächlich dafür bekannt ist, seinen Auftritten immer etwas Lokalkolorit zu verleihen, indem er Lieder in der Landessprache singt. “Es bereitet mir einfach Freude, die Leute mit einem Geschenk zu überraschen. Sei es in Französisch, Deutsch oder sonst einer Sprache. In diesen Momenten erleben mich die Leute sehr verwundbar in ihrem Kontext. Normalerweise ist es ja anders herum. Und wenn ich es vermassel, so scheinen sie es mir doch hoch anzurechnen, dass ich es zumindest versucht habe.”

Der Großteil der Songs, die Elling auf “Passion World” interpretiert, zählt nicht zum eigentlichen Jazzkanon. “Ich folge einfach meiner eigenen Neugier”, räumt der Sänger ein. “Es ist wunderbar, wenn man Gelegenheit hat, sich mit Leuten vom musikalischen Kaliber eines Tommy Smith, eines Arturo Sandoval, eines Richard Galliano, eines Till Brönner anzufreunden. Diese Jungs sind hundertprozentige Jazzmusiker. Sie haben unterschiedliche regionale Hintergründe, aber der Jazz führt sie zusammen. Und sie bringen den Jazz in ihre eigenen regionalen Kontexte ein. Denn Jazz besitzt die Flexibilität, Grenzen zu überschreiten.”

Elling-Fans wird auffallen, dass der Sänger auf “Passion World” auf die fabelhaften Scat-Improvisationen verzichtet hat, für die er so berühmt ist und die eine vitale Komponente seines künstlerischen Arsenals sind. “Man muss nicht scatten, um ein Jazzsänger zu sein”, erinnert er. “Und in diesem Fall, ist der Geist der Improvisation – tatsächlich sogar mehr als nur der Geist – in allem, was ich mache, präsent. Ich überließ es Leuten wie Smith und Sandoval, ihre Virtuosität zu demonstrieren. Ich versuche auf dieser Platte einfach nur, wirklich gut zu singen.”

Am 7. Mai wird Kurt Elling mit der WDR-Big-Band (die auch an der Einspielung von “Passion World” beteiligt war) in der Kölner Philharmonie auftreten. Unter dem Titel “Jazz – The Sound Of Freedom” wird der Sänger bei dieser Gelegenheit Stücken von u.a. Eddie Harris, Marvin Gaye, Benny Golson, Duke Ellington und Bob Dylan seinen eigenen Stempel aufdrücken. Sein neues Album “Passion World” stellt Kurt Elling dem deutschen Publikum dann zwei Monate später bei Auftritten im Staatstheater Darmstadt (am 10. Juli) und im Kulturzelt Kassel (am 11.Juli) live vor.